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Interview
Fragen zum Thema Assessment Center
beantwortet von Dr. Susanne Sachtleber verantwortlich für den Standort Berlin
Kommunikationswissenschaftlerin, langjährige Erfahrung im Management, als Beraterin und Coach mit nationaler und internationaler Erfahrung.
Interviewpartner www.absolventa.de
Interview als PDF [47 KB]
14. Oktober 2009
1. Wie verbreitet sind AC mittlerweile bei der Personalauswahl?
In welchen Branchen und ab welcher Unternehmensgröße werden sie vor allem angewendet?
Zunächst sind vielleicht die unterschiedlichen Bedeutungen von „Assessment Center“ (AC) zu klären, die in Unternehmen mit diesem Begriff verbunden werden:
“Assessment“ heißt Beurteilung – diese wird vorgenommen bei der Auswahl von externen Bewerbern für ein Unternehmen, in regelmäßigen Abständen im Verlauf des Entwicklung eines Mitarbeiters im Unternehmen und häufig auch gezielt vor der Empfehlung für eine Funktion mit deutlich mehr Anspruch und Verantwortung, als sie der Mitarbeiter bisher im Unternehmen gehabt hat, d.h. also bei der internen Auswahl. Für die internen Verfahren wird dazu auch alternativ der Begriff „Development Center“ verwendet; für Einzelverfahren bei Nachwuchskräften der Begriff „Potenzialanalyse“ bzw. bei erfahrenen Managern „Management-Audit“.
Bewirbt man sich bei international agierenden Unternehmen – Konzernen oder größeren mittelständischen Unternehmen – muss man als Berufsanfänger mit Hochschulabschluss bzw. bei der Bewerbung um eine Trainee-Stelle auf jeden Fall mit einem AC rechnen (ca. 50% der Unternehmen führt für diese Zielgruppe AC durch). Bei der Auswahl von Auszubildenden liegt
2. Inwiefern werden in einem AC die fachlichen Kompetenzen beurteilt und wie sehr spielen soziale Kompetenzen eine Rolle?
Im Zentrum der Merkmale, die in einem AC beobachtet und beurteilt werden, stehen Verhaltensmerkmale in bestimmten Situationen, die als relevant für die zukünftige berufliche Tätigkeit angesehen werden sowie Persönlichkeitsmerkmale, die im Rahmen eines AC durch so genannte „psychometrische Testverfahren“ analysiert werden. Ziel dieser Verfahren ist es, vor allem die überfachlichen Kompetenzen eines Bewerbers zu ermitteln, die sich z.B. im BIP (Bochumer Inventar zur berufsbezogenen Persönlichkeits- beschreibung) so zusammen setzen:
Berufliche Orientierung (Leistungsmotivation; Gestaltungsmotivation; Führungsmotivation);
Arbeitsverhalten (Gewissenhaftigkeit; Flexibilität; Handlungsorientierung);
Soziale Kompetenzen (Sensitivität; Kontaktfähigkeit; Soziabilität; Teamorientierung; Durchsetzungsstärke);
Psychische Konstitution (Emotionale Stabilität; Belastbarkeit; Selbstbewusstsein).
Diese Kriterien können u.a. auch durch einen Intelligenztest ergänzt werden – oder auch durch ganz konkrete Arbeitsproben bzw. fachliche Fragen, wenn Bewerber für ein ganz bestimmtes Tätigkeitsfeld ausgewählt werden. Diese fachliche Komponente wird aber weniger häufig im AC überprüft.
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5. Wie können Unternehmen einen hohen Qualitätsstandard im AC sicherstellen?
Einerseits, indem sie die eben beschriebenen Fehler vermeiden – also wirklich auf die Professionalität bei der Konzeption und Durchführung achten. Das ist in dem meisten Fällen tatsächlich eher durch die Einbindung externer Spezialisten gewährleistet – und die anfänglich hoch erscheinenden Investitionskosten machen sich sehr schnell bezahlt. Vor allem ist auch vor dem Einsatz eines solchen Verfahrens die Frage im Unternehmen zu stellen, was danach konkret mit den Ergebnisse bzw. den gewonnen Kandidaten geschehen soll. D.h. die Einbindung eines AC-Verfahrens in ein professionelles „Talentmanagement“ erhöht die Chancen, dass sich die Investition sowohl für das Unternehmen als auch für den zukünftigen Mitarbeiter lohnt. Dann sei noch das Feedbackgespräch genannt, das immer am Ende eines Beurteilungsverfahrens stehen sollte – unabhängig davon, ob ein Bewerber die Position erhält oder nicht.
6. Eine gute Vorbereitung wird Bewerbern oft als Garant für den Erfolg im AC vermittelt. Was sollte man bei der Vorbereitung auf ein AC beachten?
Zunächst gehört dazu eine sehr gute Recherche über das Unternehmen, bei dem man sich bewirbt und über die Position, für die man sich bewirbt.
Dann sollte man sich im Vorfeld intensive Gedanken machen, was einen tatsächlich für diese Funktion, Branche oder gerade diese Unternehmen qualifiziert. Das ist wichtig, um diese Aspekte bei einem Interview, das immer Teil eines Verfahrens sein sollte, parat zu haben und überzeugend vermitteln zu können. Es dient aber auch dazu, sich die Stärken seines eigenen Profils noch einmal bewusst zu machen, die man braucht, um authentisch und souverän in den einzelnen Übungen und Aufgaben eines AC’s handeln zu können. Man sollte sich weniger Gedanken darüber machen, welche Verhaltensweisen „erwünscht“ sind, sondern sich darauf konzentrieren, das, was man gut kann und in einer Funktion im Unternehmen als Fähigkeit wahrscheinlich braucht, erkennbar für die Beobachter deutlich zu machen.
Man sollte sich nicht davor scheuen, nach der Einladung zu einem solchen Verfahren im Unternehmen zu erfragen, wie das AC geplant ist, d.h. wie lange, wer Teilnehmer bzw. Durchführende sind etc., damit man ungefähr eine Idee davon hat, WIE das Verfahren verlaufen wird. Ergänzend dazu ist es natürlich sinnvoll, sich auf mögliche Abläufe – die durchaus in Länge und Art sehr unterschiedlich sein können – und Art der Übungen, Aufgaben und Tests vorzubereiten – und das sollte man durchaus mit professioneller Unterstützung tun. Vor allem sollte man sich Feedback zur Wirkung seines Verhaltens geben lassen, d.h. als Hochschulabsolvent kennt man unterschiedliche Unternehmen ja meist bereits als Praktikant, sollte aber durchaus verstehen, was jetzt als Bewerber und zukünftiger Mitarbeiter erwartet wird, bzw. das eigene, natürliche Verhalten aus Unternehmenssicht wahrgenommen wird – denn darum geht es in einem AC.
Eine gute und gründliche Vorbereitung sollte also zum Ziel haben, die möglichen Erwartungen eines Unternehmens mit der individuellen, persönlichen Haltung und dem eigenen, authentischem Verhalten zu erfüllen.
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9. Was sind die Vorteile eines AC für den Bewerber und das Unternehmen? Welches sind die Nachteile?
Für das Unternehmen bietet ein AC die Möglichkeit, in relativ kurzer Zeit einen qualifizierten Vergleich über die Bewerber, die bereits durch mehrere vorgeschaltete „Filter“ wie z.B. der Unterlagensichtung bzw. auch schon einem persönlichen oder telefonischen Interview ausgewählt wurden, zu bekommen. Das AC bietet dann die Möglichkeit, über die Unterscheidung der fachlichen Fähigkeiten oder Potenziale hinaus, die Bewerber unter vergleichbaren Bedingungen mit vergleichbaren Aufgaben beobachten und neutral und objektiv bewerten zu können. Ein AC bietet damit einen wesentlich qualifizierteren und differenzierten Einblick in die Potenziale und Fähigkeiten eines Bewerbers, als ein strukturiertes Interview alleine – unter der Voraussetzung, dass das AC professionell durchgeführt und die Ergebnisse auch im Unternehmen entsprechend genutzt werden.
Für den Bewerber bietet es die Möglichkeit ein Unternehmen, das sich ja in einem AC-Verfahren auch präsentiert, etwas konkreter einschätzen zu können – vor allem bezogen auf die Unternehmenskultur und die gelebten Werte - und für sich die Frage zu beantworten, ob dies ein Unternehmen sein könnte, in dem er – zumindest für einige Jahre – seine berufliche Zukunft sehen könnte. Beide Parteien sollten ein AC zur gründlichen Reflektion vor einer Entscheidung nutzen.
10. Wie aussagekräftig sind AC, da es sich dabei um „künstliche“ Situationen handelt, in denen bewusst „Stress“ für den Teilnehmer produziert wird.
Wie bereits beschrieben, kommt es natürlich auf die Professionalität bei der Konzeption und Durchführung eins AC an, ob die Ergebnisse tatsächlich eine gezielte Aussage über den möglichen Erfolg von Bewerbern zulassen. Teilnehmer sollten nicht unnötig oder „künstlich“ unter Druck gesetzt werden in einem AC – das entspricht nicht einem respektvollen und wertschätzenden Umgang – und führt auch tatsächlich nicht zu sinnvollen Ergebnissen. Was eine gewisse Anspannung durch Umfang der Aufgaben bzw. deren inhaltlichen Anforderungen zu Tage fördert, sind die Verhaltensweisen, die jemand „gut kann“ – und deshalb auch unter Stress sicher abrufen und für sich nutzen kann. Deshalb habe ich auch in der Antwort oben beschrieben, warum es keinen Sinn macht, sich Verhaltensweisen für ein AC „anzutrainieren“, wenn diese gegen die eigene Überzeugung bzw. gegen die eigenen Stärken gehen. Wenn wir allerdings in „Stresssituationen“ gebracht werden, d.h. unsere individuell sehr unterschiedlich ausgestalteten „Komfortzonen“ verlassen müssen, bringen wir Schwächen oder sog. „Derailer“ zu Tage, die Teil unserer Persönlichkeit sind und mit denen wir lernen müssen, umzugehen. Die Aufgabe der Assessoren ist es zu beurteilen, ob die gezeigten Stärken – und die erkennbaren Schwächen – sich mit dem definierten Anforderungsprofil für eine Position in Einklang bringen lassen. Deshalb ist es keine Schikane, wenn Bewerber –verantwortungsvoll- an ihre möglichen Grenzen gebracht werden, sondern Teil des methodischen Konzepts.
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13. Inwiefern bestehen bei Online Verfahren Manipulationsmöglichkeiten durch den Bewerber? Ist der Datenschutz gewährleistet?
Auch diese Frage lässt sich mit der allgemeinen Frage nach der Seriosität und Professionalität von Verfahren beantworten. Gerade bei Testverfahren sollten die Unternehmen auf wissenschaftlich fundierte Verfahren und Anbieter zurückgreifen, die das professionelle „Bewerberhandling“ und die Datensicherheit gewährleisten können. Das geschieht in aller Regel in der Praxis.
Damit ist auch sicher gestellt, dass „Manipulationsversuche“ eines Bewerbers in einem solchen online-Verfahren erkannt werden, da die Ergebnisse dann widersprüchlich bzw. unbrauchbar sind. Es kann sein, dass dazu die Plausibilitätsprüfung durch ein Interview ergänzend notwendig ist, um zu erkennen, ob ein Teilnehmer bewusst versucht hat, „erwünschte“ Antworten zu geben – oder einfach in der einen oder anderen Frage ein anderes Verständnis hatte, als mit einer Frage tatsächlich intendiert war.
Der Vorteil bei der ergänzenden Nutzung von online-Verfahren ist ganz einfach, dass man eine weitere, objektivierende Quelle und wiederum ein anderes Verfahren zur Verfügung hat, um zu einer Einschätzung eines Bewerbers zu gelangen. Dabei ist es wichtig, sich immer wieder vor Augen zu führen, dass all diese Verfahren nur Hilfsmittel sind, um einen Menschen in seinen Fähigkeiten und Motiven zu begreifen, die wir in der Arbeitswelt gezielt zu Aussagen über den möglichen beruflichen Erfolg einer Person nutzen – nicht weniger – aber auch nicht mehr!
JC/Sachtleber